Bundestagswahl: Senioren fühlen Kandidaten auf den Zahn

Über Rentenangleichung, Gesundheitsversorgung auf dem Land und öffentlichen Personennahverkehr in Wusterhausen diskutiert

Wusterhausen. Etwas mehr als ein Vierteljahr muss noch vergehen, dann wird ein neuer Bundestag gewählt. Wer es von den Parteien im Wahlkreis 56 nach Berlin schafft, hat die Interessen seiner Wähler aus den Landkreisen Prignitz und Ostprignitz-Ruppin sowie aus Teilen des Havellandes zu vertreten. Drei
der Bewerber sind darin schon erfahren. Kirsten Tackmann (Linke), Dagmar Ziegler (SPD) und Sebastian Steineke (CDU) besetzen bereits Plätze im höchsten deutschen Parlament. Martin Wandrey (Bündnis 90/Grüne) und Andreas Hoffmann (FDP) treten erstmals an. Vier der fünf Genannten – SPD-Frau Dagmar Ziegler ließ sich entschuldigen – weilten am Mittwochnachmittag
in Wusterhausen. Die Veranstalter vom Kreisseniorenbeirat hatten den AfD-Kandidaten Michael Nehls nicht eingeladen. Die Treffen innerhalb der Brandenburgischen Seniorenwoche sind an der Dosse ebenso Tradition wie
die entspannte Atmosphäre und Gastfreundschaft in der Begegnungsstätte
von Pro Seniorenpflege. Dazu passte die musikalische Einleitung durch den Chor um Christa Brunnemann, Durchschnittsalter 75 Jahre und kein bisschen
leise.

Danach bekam es die Politikerrunde – OPR-Landrat Ralf Reinhardt und Wusterhausens Bürgermeister Roman Blank vergrößerten den Kreis – mit einem politikinteressierten Publikum zu tun. Es diskutierte mehr als anderthalb Stunden lang über eine viel zu späte Rentenangleichung von Deutschland West und Deutschland Ost, versteckte Inflation, die gesundheitliche Versorgung
auf dem flachen Land und Vergütungen nach dem Hartz-IV-Gesetz, das die Linke Kirsten Tackmann nicht zum ersten Mal als „Armut per Gesetz“ bezeichnete. In diesem Zusammenhang überraschte die Mitteilung von Landrat Reinhardt, dass es in seinem Verantwortungsbereich noch nie so wenig
Leistungsbezieher wie aktuell gegeben habe. Lebhaft gestritten wurde darüber, ab wann man von „Armut“ sprechen könne. Deutlich wurde:
Menschen jenseits der 70 legen die Latte da erheblich höher als die Generationen danach. Einig war man sich schnell darüber, dass der gesundheitlichen Grundversorgung in der ländlichen Region bei den neu gewählten Bundestagsabgeordneten größte Aufmerksamkeit verdiene. Ob bei den Studierenden eine verpflichtende „Landarztquote“ hilfreich sein könnte, da wiederum gingen die Meinungen auseinander. Einleuchtend war auch die Forderung von Sebastian Steineke nach pfiffigeren Konzepten im öffentlichen
Personennahverkehr. Sie würden einer fortschreitenden Entvölkerung in den Prignitz-Kreisen, aber auch um Rhinow, Nennhausen, Friesack und Nauen entgegenwirken. „Wer mit dem Zug verlässlich in die Hauptstadt kommt, und vom Heimatbahnhof nach Hause, der kann sich auch vorstellen, hier zu
wohnen“, war sich der CDU-Mann sicher. Man hörte kein Wort des Widerspruchs. Deutlich wurde am Mittwoch, dass die „alten Polithasen“ am Tisch im Strodehner Andreas Hoffmann, der ein klares Bekenntnis zum Leben
in der ländlichen Region abgab, und dem erfrischend auftretenden
Medizinstudenten Martin Wandrey aus Friesack ebenbürtige Kontrahenten als Nachbarn hatten. Besonders Wandrey trat selbstsicher und wortgewandt in Erscheinung. „Für den Bundestag wird es wahrscheinlich für mich nicht reichen“, gab sich der 24-jährige Sprecher der Bündnisgrünen Brandenburg realistisch. Der Diskussionsrunde aber hat sein Auftritt gutgetan.

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