Die Dominanz der Westler

Ob in Wirtschaft, Politik oder Justiz: Im Osten haben überproportional viele Westdeutsche das Sagen

Berlin. Matthias Platzeck (SPD) und der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung sind sich einig: 28 Jahre nach dem Fall der Mauer haben an besonders wichtigen Stellen in Politik und Wirtschaft in Ostdeutschland noch immer zu viele westdeutsche Eliten das Sagen. Dass Annalena Baerbock plötzlich auf ihre westdeutsche Herkunft angesprochen wird, findet die 37-Jährige gar nicht lustig. Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, hatte in einem Interview die Dominanz westdeutscher
Eliten in Ostdeutschland kritisiert und jetzt muss ausgerechnet sie sich plötzlich rechtfertigen. „Für mich ist es etwas sehr Positives, dass diese Ost-West-Gräben gerade bei Jüngeren kein Thema mehr sind“, sagt die grüne Bundestagsabgeordnete. In ihrer Generation zähle nicht, aus welchem Teil von Deutschland ein Politiker kommt, sondern ob er gute Arbeit leistet. Dass jetzt wieder das Ost-West-Fass aufgemacht wird, findet sie bedenklich.
Baerbock wurde 1980 in Hannover geboren, studierte in Hamburg, London und Berlin und machte danach bei den brandenburgischen Grünen Karriere. Eine Westdeutsche in der ostdeutschen Elite. Glaubt man Thomas Krüger,
dann hat das System. „Die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten wird
immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt. Und das ist ein Problem“, sagte Krüger. Er trifft damit einen wunden Punkt. Denn tatsächlich, das
belegen Zahlen der Universität Leipzig, beträgt der Anteil Ostdeutscher in Spitzenfunktionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Justiz in Ostdeutschland nur 23 Prozent. Nur jede dritte Führungskraft in den 100 größten ostdeutschen Unternehmen kommt auch aus Ostdeutschland, an den obersten Gerichten sind es sogar nur 5,9 Prozent. „Es handelt sich hier um
einen schwierigen Zustand“, sagt Matthias Platzeck (SPD), Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident. „Man gehe nur einmal für einen Moment davon aus, in Bayern würden 80 Prozent der Behörden von Ostdeutschen geleitet werden – unvorstellbar. Was dort also unvorstellbar ist, ist bei uns Realität. Das muss man offen benennen.“ Gut lässt sich das Phänomen auch an der Politik illustrieren. Kamen von den rund 60 Staatssekretären der Bundesregierung im Jahr 2004 schon nur sechs aus dem Osten, waren es in der zurückliegenden Periode nur noch drei. Von den 25 Abgeordneten, die für Brandenburg im 19. Bundestag sitzen, kommen acht aus Westdeutschland.
Unter anderem Annalena Baerbock.

„Der Bundestag sollte den Querschnitt der Gesellschaft vertreten, und das tut er in einigen Aspekten nicht“, sagt Baerbock. Ostdeutsche, Frauen, Unter-30-Jährige, Nicht-Akademiker, Menschen mit Migrationshintergrund – sie alle sind im Bundestag untervertreten. So gesehen gehört Baerbock zwar der westdeutschen Mehrheit, dafür aber der weiblichen und eher jungen Minderheit an. „Manche unserer Strukturen sind so, dass 50-jährige Männer es dort am leichtesten haben“, sagt sie. Womit der Ball im Feld von Sebastian Steineke liegt. Der CDU-Abgeordnete ist zwar mit seinen 44 Jahren noch etwas von der 50 entfernt, dafür aber ein Mann aus Hamburg, der für Brandenburg im Bundestag sitzt. Er sagt: „Der Wähler entscheidet nicht nach der Herkunft.“ Ein „Grundsatzproblem“ sei die Durchmischung des Bundestages, eines, das man „langfristig diskutieren“ müsse, schließlich fange das schon auf kommunaler Ebene an. „Da fehlen uns schlicht die Kandidatinnen.“ Und ein Problem, das sich bereits zum Guten ändere. Vier der fünf ostdeutschen Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin kommen
aus dem Osten. „Das war früher mal anders.“ Früher, also in den 90er-Jahren,
sei auch „ein Neuaufbau in Politik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Militär“ nötig gewesen, schreiben die Leipziger Forscher Michael Bluhm und Olaf Jacobs. In der Regel habe man dafür erfahrene Westdeutsche geholt, während zahlreiche ostdeutsche Fachkräfte in den Westen gegangen
sind – mit dem Effekt, „dass dem Osten Deutschlands ein erhebliches
Potenzial für nachfolgende Elitepositionen verlorengegangen ist“. In der Politik sei zudem hinzugekommen, sagt Annalena Baerbock, dass manche Biografien eine parteipolitische Karriere unmöglich gemacht haben. Das alles erklärt natürlich nicht, warum Ostdeutsche 28 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer strukturell benachteiligt werden. „Wir haben geglaubt, für eine Übergangszeit müssten wir mangels eigener Masse für Gerichte, Polizei,
Regierungsapparat Westdeutsche engagieren. Nach zehn bis 15 Jahren werde sich das dann in einer Neubesetzungswelle quasi von allein reparieren.
Das war blauäugig“, sagt Platzeck. „Eliten rekrutieren sich aus Eliten. Die westdeutsche Dominanz im Osten hat sich damit immer weiter fortgesetzt.“
Um diese Struktur zu durchbrechen, fordern manche wie der Geschäftsführer der Dresdner Stiftung Frauenkirche, Frank Richter, bereits eine Quote für Ostdeutsche, „ähnlich der Frauenquote“. Und auch Platzeck fordert, Ostdeutsche stärker auf wichtige Posten zu heben. Man müsse dezidiert darauf achten, „Einheimische für wichtige Posten zu berücksichtigen – vom Sparkassendirektor bis zum Ministeramt“, sagt Platzeck. „Die Gewichte müssen endlich wieder in die richtige Richtung verschoben werden.“

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